Gröden 2008: Überraschungscoup und Favoritensieg

Unterschiedlicher hätten die Rennen in Gröden kaum ausgehen können: Während mit Werner Heel im Super G der Sieger eine Riesenüberraschung war, setzte sich in der Abfahrt Gröden-Spezialist Michael Walchhofer durch, der auf der Saslong schon sieben Podestränge herausgefahren hat.

Werner Heel hatte niemand auf der Rechnung. Der Südtiroler aus dem Passeiertal überraschte im Super G auf der Saslong alle und feierte als erster Südtiroler nach Herbert Plank im Jahr 1977 einen Sieg in Gröden. Heel hatte vor seinem Überraschungscoup zwar schon einen Weltcupsieg zu Buche stehen, allerdings hatte er diesen nicht im Super G sondern in der Abfahrt (Februar 2008 in Kvitfjell) herausgefahren. Im Super G war bis zu seiner Siegesfahrt unter dem Langkofel ein siebter Platz beim Weltcupfinale in Bormio 2008 sein bestes Ergebnis. In Gröden lief es für die italienische Mannschaft bis zum Freitag katastrophal. In den Trainingsläufen zur Abfahrt fuhren Fill, Heel & Co. der Konkurrenz um Längen hinterher. Italiens Cheftrainer Claudio Ravetto gestand die Mängel der eigenen Fahrer bei einer Pressekonferenz vor dem Rennen bereitwillig ein: „Die Fahrer der anderen Mannschaften sind körperlich besser drauf als wir, daran besteht kein Zweifel. Wir haben keinen Gleiter in unseren Reihen und auch die athletischen Grundlagen müssen wir verbessern.“

Die windunterstütze Auferstehung der „Azzurri“
Beim Super G war dann alles anders. Zwar mögen Training und Rennen zwei paar Schuhe sein, doch der Erfolg von Heel war auch einem anderen Faktor geschuldet: dem Wind. Nach den massiven Schneefällen in der Woche vor den Rennen in Gröden gab es am Renntag einen Warmwettereinbruch mit Nordföhn. Der Wind erreichte zwar nicht kritische Werte, beeinflusste das Rennen aber doch entscheidend. Ausgerechnet bei den Spitzenfahrern erreichte er seine Höchstwerte und bevorzugte die Fahrer mit den niederen Startnummern. Einzig Didier Defago (Sui) konnte mit einer höheren Startnummer als 15 unter die Top 7 fahren. Von Platz eins bis Platz sechs platzierten sich sonst nur die Fahrer mit den Startnummern eins bis fünf. Werner Heels Sieg war trotz des Windes ein verdienter. Während der Zweite Defago nur bis auf 0,43 Sekunden auf den Südtiroler herankam, trennten Defago und Didier Cuche auf Platz zehn ebenfalls nur 0,44 Sekunden voneinander. Nach seinem Triumph wusste Heel selbst nicht so genau, warum er den Super G gewonnen hat: „ Mir fehlen die Worte, ich weiß auch nicht, wieso ich heute so schnell war. Nach dem Abschlusstraining gestern waren wir deprimiert, deshalb ist es heute umso schöner. Für die Abfahrt nehme ich mir nichts vor.“

Österreichische Durststrecke

Für die Abfahrt hingegen sehr viel vorgenommen hatte sich Michael Walchhofer. Der Salzburger aus Zauchensee hatte am 15. Dezember 2007 den bislang letzten österreichischen Abfahrtssieg gefeiert und auf ihm ruhten die Hoffnungen der gesamten rot-weiß-roten Skination. Für Hermann Maier war vor dem Rennen klar, dass der Sieg nur über „Walchi“ führen konnte. Maier: „Diese Strecke ist wie zugeschneidert für ihn.“ Im Super G sah man Walchhofer seine Favoritenrolle nicht an: Er kam nur auf den 40. Platz, der mit Abstand schlechtesten Platzierung in seinen 133 Weltcuprennen seit 2001. Walchhofer verzweifelt nach dem Super G: „Ich bin sehr gut gefahren. Aber der Wind hat mir die Tore ins Gesicht geblasen. Die Bedingungen waren nicht für alle gleich. Deshalb bin ich über den großen Rückstand umso enttäuschter.“ Am Samstag sollte dann aber wieder alles so laufen, wie es Walchhofer in Gröden gewohnt ist: Nach seinen vier zweiten Plätzen und dem Abfahrtssieg im Vorjahr spielte der „Mr. Downhill“ im österreichischen Skiteam wieder einmal seine phänomenalen Gleitfähigkeiten aus und siegte vor Bode Miller (USA) und Manuel Osborne-Paradis (Can).Obwohl zwei Nordamerikaner auf dem Siegespodest standen, stellten die Fahrer aus Übersee auch den großen Verlierer des Wochenendes: Erik Guay. Der Kanadier hatte beide Trainingsläufe dominiert, kam im Rennen aber über Platz 5 nicht hinaus. Die Österreicher konnten nach dem ersten Abfahrtssieg nach 370 Tagen aufatmen. Wie sehr das Austria Ski Team den Sieg herbeigesehnt hatte, beweist auch Walchhofers Kommentar: „Normalerweise fährt ein Läufer ja für sich selbst. Heute bin ich für das Team und für Österreich gefahren.“

Nordamerikanische Wachablöse

Obwohl die Österreicher mit dem Sieg Walchhofers in der Abfahrt ihre Durststrecke beenden konnten, hat die Wachablöse längst begonnen. Ein Blick auf die Ergebnisliste genügt und man weiß, wer die Teams sind, die es in den Speed-Disziplinen zu schlagen gilt: Die US-Amerikaner und die Kanadier: Gleich fünf Läufer aus den USA (Miller/2., Sullivan /5., Fisher /7., Nyman/9., Lanning/10.) und zwei aus Kanada (Osborne-Paradis/3., Guay/5.) platzierten sich in den Top Ten. Auch die Hausherren sind auf dem Weg nach oben. Zwar nicht in der Abfahrt und auf der Rennstrecke (Peter Fill war mit Platz 19 der beste des italienischen Teams), so doch zumindest was die Stimmung im Zielstadion angeht. Weil immer mehr Fahrer aus Südtirol den Sprung in den Weltcup schaffen, werden die Gröden-Rennen ein immer größerer Zuschauermagnet.

Doppelt so viele Fanklubs

Heuer wurden die Fanklub-Tribünen von doppelt so vielen Fans bevölkert wie noch im Vorjahr und die Stimmung war deshalb mindestens doppelt so gut. Was die Stimmung angeht, sind die Weltcuprennen in Südtirol sowieso Spitze. Die Süddeutsche Zeitung hat treffend beschrieben, wie sich der Weltcup-Zirkus in Südtirol aufgenommen fühlt: „Das dreisprachige Südtiroler Grödnertal ist für drei Dinge bekannt: seine Holzschnitzer, die praktisch in jedem Haus ausstellen, den fein geschnittenen Speck und die Weltcup-Abfahrt im Schatten des Langkofels, dessen ladinischer Name der Abfahrt auch den Namen Saslong verliehen hat. Diese Abfahrt steigt immer am letzten Wochenende vor Weihnachten und vielleicht ist das der Grund, dass es in Gröden immer eine Spur ruhiger, friedlicher und gemütlicher zugeht als im restlichen Weltcup.“ Nur einer scheint von dieser Stimmung nicht viel mitbekommen zu haben: Der italienische Verbandschef Giovanni Morzenti. Morzenti hatte ja im Vorfeld die beiden Südtiroler Weltcup-Veranstalter Gröden und Alta Badia dazu verpflichtet, mehr Geld an den italienischen Verband FISI abzuführen. Obwohl sich die Veranstalter heuer nach einem wochenlangen Hickhack mit Morzenti einigen konnten, scheinen die Rennen in Gröden langfristig nicht gesichert, weil Morzenti die Rennen an jene Veranstalter vergeben will, die am meisten bezahlen. Dieses Spiel will das Grödner OK um Stefania Demetz nicht mitspielen. Demetz ist davon überzeugt, dass die Grödner Weltcuprennen deshalb so gut ankommen, weil die Veranstalter voll und ganz auf Qualität setzen. Sie weiß aber auch, dass „die Qualität nicht nur vom großen Einsatz und der Kompetenz der etlichen hundert Mitarbeiter abhängt, sondern auch von den zur Verfügung stehenden Geldmittel“. Die klare Botschaft von Demetz: Mit der Erfahrung von 40 Jahren Weltcup und dem persönlichen Engagement der Mitarbeiter alleine kann man keine Weltcup-Woche veranstalten. „Es ist kaum zu verstehen, warum in den vergangenen Monaten die Veranstalter von bestimmten Seiten frontal angegriffen worden sind. Was wir hier in Gröden auf die Beine stellen, ist ein großes Fest des Sports. Wir werden alles dafür tun, dass dies auch in Zukunft so sein wird. Wir werden jedenfalls mit dem viel Schwung und Elan in die nächsten Jahre gehen“, kündigt Demetz an.

Thomas Ohnewein