Interview mit Helmuth Schmalzl

Sicherheits-Verantwortlicher der FIS

Herr Schmalzl, im vergangenen Winter wurde viel über den Abfahrtslauf diskutiert. Welche sind in Ihren Augen die Fixpunkte dieser Disziplin, welche sind ihre Charakteristiken und was hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert?

Vordergründig kann der Abfahrtslauf als ein Rennen bezeichnet werden, welches Geschwindigkeit mit Mut verbindet. Es muß vom Start weg, welcher sich meist auf einer Bergspitze befindet, bis in den Talgrund mit Bestzeit gefahren werden.
In den letzten Jahren hat die Entwicklung des Skirennsportes einen bedeutenden Qualitätssprung erfahren: Die Fahrer sind besser vorbereitet, und zwar sowohl athletisch als auch technisch. Meiner Meinung nach hat der Super-G im Abfahrtslauf eine regelrechte Revolution verursacht: Die Anzahl der Teilnehmer an Abfahrtsläufen hat sich erhöht und das technische Können zur Bewältigung der Kurven hat sich verbessert. Es gibt zahlreiche "Alleskönner" wie Zurbriggen, Girardelli, Aamodt, Kjus u.a., denen es gelungen ist, ihr technisches Können in den Abfahtrtslauf "hinüberzubringen). Ich will damit sagen, daß es gerade der technische Fortschritt der Fahrer ist, der zu einer natürlichen Weiterentwicklung des Abfahrtslaufes im Vergleich zu meinen Rennzeiten geführt hat.
Darüberhinaus verfügen die Strecken, auf denen heute Abfahrten gefahren werden, alle über besondere technische Eigenschaften, die sie untereinander unterscheiden. Jede davon besitzt eine eigene Seele, wann man dies so sagen kann, und die Fahrer mit den verschiedensten Eignungen und Talenten finden ihre Strecken, die sie lieben und auf denen sie sich am besten ausdrücken können. Außerdem besitzt jede Strecke ihr eigenes Mikroklima, das sich in der verschiedenen Schneekonsistenzen auswirkt und somit die unterschiedlichsten Material- vorbereitungen verlangt. Diese Vielfalt trägt zur Attraktion des heutigen Abfahrtslaufs bei.

Zudem hat auch die Entwicklung der Materialien (Ski, Bindungen, Skistiefel) starke Änderungen erfahren. Heute kann ein Fahrer Kurven meistern, die er noch vor wenigen Jahren nur abrutschen konnte. Sicher wird auf die natürliche Charakteristik der Strecke Rücksicht genommen, ihr Profil bewahrt, doch werden Strecken auch verbreitert, um Sturzräume zu verbessern. Dabei muß jedoch auch erwähnt werden, daß auf Grund der besseren athletischen Vorbereitung der Fahrer und auch dank der besseren Materialien Stürze immer seltener werden.

Sicherlich hat das Verhältnis Geschwindigkeit / Schwierigkeit / Gefährlichkeit die obere Grenze erreicht. Im Verhältnis zu den Gegebenheiten vor 15 Jahren ist der Fahrer einer bedeutenden größeren Anzahl von Anfordeungen auf der Strecke ausgesetzt. Seine heutigen Leistungen sind oft unglaublich. Vielleicht sollte gerade das Fernsehen diese immensen Anspannungen den Zuschauern besser übermitteln, den Fahrer damit technisch aufwerten und mit diesen Bildern die Abfahrt interessant gestalten. Wenn z.B. eine TV-Kamera an den Kamelbuckeln falsch positioniert ist, wird die Länge des Sprunges optisch auf 15 m reduziert. Wenn das Fernsehen jedoch imstande wäre, die Leistungen möglichst real zu übermitteln, wurde die Faszination der Abfahrt erst richtig zum Ausdruck kommen.