KULTURGESCHICHTE RUND UM DEN LANGKOFEL ("Saslong")

Die Nachtigall vom Langkofel - Eine Dolomitenlegende von Karl Felix Wolff

Am Fuße des Langkofels wohnte eine bildhübsche Prinzessin. Als diese sich eines morgens aus ihrem Burgfenster lehnte, sah sie, wie ein Sperber eine Nachtigall angriff. Sofort verjagte sie den Raubvogel und rettete so die Nachtigall. Als Belohnung versprach ihr die Nachtigall, daß sie sich immer, so sie dies wünschte, in eine Nachtigall verwandeln konnte. Dieser Zauber sollte jedoch nur wirken, bis eine gewisse Person sterben würde. Da begann die Prinzessin, sich in die Nachtigall zu verwandeln und durch die Wälder zu fliegen, die ihre Burg umgaben. Eines Tages kam sie zu einer Ruine, in welcher ein einsamer Jäger wohnte, welcher in seinem ganzen Leben nie eine Frau gesehen hatte. Die Prinzessin begann, als Nachtigall süße Trällerlieder zu zirpen und damit den Jäger zu erfreuen. Später stellte sie diese Besuche ein und begann, andere Teile des Waldes zu erforschen, bis sie eines Tages selbst von einem Sperber angefallen wurde, sich im dichten Gebüsch verstecken mußte und sich dort über die Bösheit anderer ausließ. Ein Lamm, das in der Nähe weidete, antwortete ihr: "Warum beklagst Du dich über andere, wenn Du doch selbst eine Person in den Tod getrieben hast". Sofort flog die Prinzessin zur Ruine und fand dort den Jäger tot. Aus Gram um die ausgebliebenen Gesänge der Nachtigall war er gestorben. Zutiefst getroffen flog sie sofort in ihre Burg zurück, um wieder die Gestalt der Prinzessin anzunehmen. Doch dies gelang ihr trotz größter Anstrengung nicht. Sie erinnerte sich nun an die Prophezeiung, daß nach dem Tode einer gewissen Person der Zauber brechen würde. Von diesem Zeitpunkt an lebte sie als Nachtigall in den Wäldern rund um ihre Burg, in welche sie nie mehr zurückkehrte.

Diese Erzählung stammt aus der Sammlung der Dolomitenlegenden von Karl Felix Wolff, die erstmals im Jahre 1913 publiziert wurde. Der Erfolg war so groß, daß schon nach einem Jahr die Auflage wiederholt werden mußte.
Mit dieser Sammlung hat Wolff, der zum Teil wegen seiner pseudowissen- schaftllichen Arbeit von Sprachwissenschaftlern kritisiert worden war, einen Schatz gerettet, der sonst für immer verloren gegangen wäre.