Saslong 2014: Nichts kann die Favoriten aufhalten

Temperaturen weit über dem Gefrierpunkt, fehlende Schneefälle und ein Rohrbruch auf der Piste knapp eine Woche vor dem Start: Wohl noch nie in der fast 50-jährigen Geschichte des Grödner Weltcups hingen die Rennen so am seidenen Faden wie 2014.

Klima, Wetter und technische Gebrechen mögen die Veranstalter an ihre Grenzen gebracht haben, die Favoriten haben sich davon nicht aus der Ruhe bringen lassen: Die Abfahrt hat der nunmehr dreifache Gröden-Sieger Steven Nyman (USA) für sich entschieden, den Super G sicherte sich Saison-Dominator Kjetil Jansrud (NOR).

Die Grödner Weltcupmacher mussten alle Hebel in Bewegung setzen, um die Abfahrt und den Super G auf der Saslong über die Bühne zu bringen: In nur drei Tagen wurde die Piste beschneit, eine Woche vor dem Rennen musste die Strecke aufgegraben werden, um einen Rohrbruch zu flicken, ein Trainingslauf für die Abfahrt wurde aufgrund der prekären Schneeverhältnisse gestrichen und die Abfahrt wurde auf den Freitag vorgezogen, um die Piste zu schonen. Die Mühen sollten sich bezahlt machen, denn Gröden sah 2014 zwei perfekte Rennen und hatte mit Nyman und Jansrud zwei würdige Sieger, mit Dominik Paris einen Lokalmatador, der zwei Mal aufs Podest fuhr, und – last but not least – ein Rekordpublikum sowohl am Freitag als auch am Samstag zu verbuchen.

Zittern bis zum Schluss
Eine Woche vor den Rennen hatte kaum jemand an diesen Ausgang gedacht, denn zu diesem Zeitpunkt stand noch gar nicht fest, dass die Rennen überhaupt ausgetragen werden können. Die FIS hat die beiden Weltcups gerade einmal fünf Tage vor dem Austragungsdatum, also am Sonntag, 14. Dezember, bestätigt. Quasi im allerletzten Augenblick kam die Zusage und der Weltcuptross konnte sich in Richtung Gröden in Bewegung machen. „Wir haben lange gebangt, waren aber immer optimistisch“, so Geschäftsführerin Stefania Demetz. Markus Waldner, der neue FIS-Renndirektor, verglich die Beschneiung der Saslong gar mit einem Wunder: „Es ist unglaublich, was die Veranstalter bei diesen Bedingungen geschafft haben. Die Piste ist nicht nur rennfertig, sie ist in einem sehr, sehr guten Zustand. Wir sind zwar in Gröden und nicht in Lourdes, aber das was hier geleistet worden ist, kommt mir vor wie ein Wunder.“ Selbst mit der Schneekontrolle und der Bestätigung der Rennen am Sonntag waren die Rennen aber noch lange nicht unter Dach und Fach: Nach dem ersten Training für die Weltcupabfahrt hat die Jury entschieden, keinen zweiten Trainingslauf auszutragen, um die Piste für die beiden Rennen am Freitag und Samstag zu schonen. Schon bei der ersten Mannschaftsführersitzung war hingegen beschlossen worden, die Abfahrt schon am Freitag und den Super G am Samstag auszutragen, um die Piste mit den Umbau- und Umsteckarbeiten nicht zusätzlich zu belasten.
Dieses ganze „Vorgeplänkel“ drängte die eigentlichen Protagonisten, die schnellsten Skifahrer der Welt, zwar vorübergehend in den Hintergrund, die Rennen selbst boten aber keine Überraschungen. Zumindest was die Ergebnisse angeht.

Abfahrt: Nyman zum Dritten
In der Abfahrt siegte Steven Nyman – nicht zum ersten Mal. Nach 2006 und 2012 feierte der US-Boy seinen dritten Sieg im Weltcup und gleichzeitig seinen dritten Sieg in Gröden. Bis auf den bisherigen Dominator der Speedrennen, Kjetil Jansrud (+0,31 Sek.), konnte Nyman niemand auch nur annähernd das Wasser reichen. Nyman hatte bereits mit seiner Trainingsbestzeit gezeigt, dass er auf der Saslong wieder zu den Sieganwärtern gehört. Der 32-jährige US-Amerikaner hat mit seinem Erfolg seinen Ruf als Gröden-Spezialist eindrucksvoll untermauert: Alle drei Weltcupsiege seit seinem Debüt vor zwölf Jahren hat er hier gefeiert und 2014 ist er dazu noch mit der Empfehlung eines dritten Platzes in Beaver Creek nach Gröden gekommen. Nyman ist bei der Abfahrt als einzigem Fahrer eine fehlerlose Fahrt von oben bis unten gelungen. Im mittleren Bereich bis zu den Kamelbuckeln hat der US-Amerikaner die Konkurrenz um fast eine Sekunde abgehängt und auch von der Ausfahrt aus der Ciaslat-Wiese bis ins Ziel war Nyman mit Kjetil Jansrud eindeutig der Schnellste. Jansrud war deshalb auch der einzige, der mit Nyman einigermaßen mithalten und den Rückstand mit 0,3 Sekunden in Grenzen halten konnte.
Auf Platz drei platzierte sich Dominik Paris. Der Südtiroler aus Ulten hatte schon in den Überseerennen seine glänzende Form bewiesen und war auch im Training auf der Saslong bei den Schnellsten. Im Rennen sicherte er sich mit 1,15 Sekunden Rückstand Platz drei und beglich damit seine Rechnung mit der Saslong aus dem vergangenen Jahr: damals kam er im Training in der Ciaslat zu Sturz und zog sich eine langwierige Muskelverletzung zu. Apropos Strecke: Aufgrund der dünnen Schneedecke war die Saslong heuer besonders anspruchsvoll und anstrengend. Die Sprünge, besonders jener über die Kamelbuckel, hatten besonders hohe Luftstände und die Ciaslat war holprig wie lange nicht mehr.

Super G: Jansrud rückt Hierarchie zurecht
Im Super G am Samstag rückte Jansrud die Hierarchie der bisherigen Saison wieder zurecht: Nach vier Siegen und zwei zweiten Plätze in den bisherigen sechs Speedrennen ließ der Elch auch  beim extrem schnellen, abfahrtsähnlichen Super G auf der Saslong der Konkurrenz keine Chance.
Jansrud war von oben bis unten der Schnellste und erwischte alle Schlüsselstellen von der Mauer über der Ciaslat-Wiese bis hin zur Einfahrt in den Zielschuss am besten. Im Ziel hatte Jansrud 0,46 Sekunden Vorsprung auf Dominik Paris. 0,46 Sekunden mögen nicht viel erscheinen, aber wenn man die 0,37 Sekunden Abstand zwischen Paris und dem Achten Romed Baumann (AUT) betrachtet, dann erahnt man, wie stark Jansrud gefahren ist. Dominik Paris, der sich vom reinen Abfahrts-Spezialisten immer mehr auch zu einem Top-Super-G-Fahrer entwickelt (in allen sechs Speedrennen bis Gröden landete er unter den Top 5), bestätigte im Super G seinen Podestplatz in der Abfahrt. Dieser zweite Platz war übrigens das bis dato beste Karriereergebnis von Paris im Super G. Neben Paris sorgten mit Christof Innerhofer (5.) und Matteo Marsaglia (7.) im Super G für ein ausgezeichnetes Mannschaftsergebnis der „Azzurri“.

Rekordpublikum
Als Gewinner durften sich nach den beiden Rennen auch die Veranstalter betrachten: Der Tausch von Abfahrt und Super G erwies sich im Nachhinein als Glücksgriff, denn die Abfahrt zog bereits am Freitag ein Rekordpublikum an. Die Fans, unter ihnen auch 25 Fanklubs mit etwa 600 Mitgliedern, wurden für ihren Besuch nicht nur mit der tollen Stimmung auf den neuen steilen Fantribünen belohnt, die Einheimischen unter ihnen auch mit dem Podestplatz für Dominik Paris. Die Fans des Südtirolers mussten sich bei der Fanklubparade dafür mit dem zweiten Platz hinten den großartigen Anhängern von Otmar Striedinger „begnügen“.

Ende gut, alles gut
Zwei spannende und spektakuläre Rennen auf einer perfekten Piste: Das ist das Fazit der Weltcuprennen 2014 in Gröden. Hinter diesem Satz steckt  wegen der fehlenden Schneefälle und der hohen Temperaturen aber so viel Arbeit wie kaum einmal in fast 50 Jahren Weltcup auf der Saslong. "Die Situation war kritisch, aber wie haben nie ans Aufgeben gedacht. Dafür sind wir belohnt worden", so OK-Chefin Stefania Demetz.