Saslong 2014: Gröden ist nicht Lourdes... oder vielleicht doch?

Abfahrtssieger Steven Nyman (USA)

Abfahrtssieger Steven Nyman (USA)

Die 2014er-Weltcupwoche unter dem Langkofel hatte es in sich: Hohe Temperaturen und fehlende Schneefälle hatten den Weltcupauftakt in den Alpen bereits arg kompromittiert und auch das Grödner OK musste bis zuletzt zittern...

bzw. alle Hebel in Bewegung setzen, um die Abfahrt und den Super G auf der Saslong über die Bühne zu bringen.

 Nach einer (auch sportlich) spannenden Rennwoche mit zwei perfekten Rennen war aber das ganze Zittern und Bangen vergessen: Gröden hatte mit Nyman und Jansrud zwei würdige Sieger, mit Dominik Paris einen Lokalmatador, der zwei Mal aufs Podest gefahren war und – last but not least – ein Rekordpublikum sowohl am Freitag als auch am Samstag zu verbuchen.

Gröden ist nicht Lourdes (oder doch ein bisschen?)
Die FIS hat die beiden Weltcuprennen vom 19. und 20. Dezember gerade einmal fünf Tage vorher, am Sonntag, 14. Dezember, bestätigt. Quasi im allerletzten Augenblick kam die Zusage und der Weltcuptross konnte sich in Richtung Gröden in Bewegung setzen.
Wie FIS-Renndirektor Helmuth Schmalzl nach der letzten Inspektion der Saslong am Sonntagvormittag sagte, hätte die Liftgesellschaft in den letzten zwei Tagen die fehlenden Schneemengen produzieren und an den kritischen Stellen verteilen können. Besonders der Zielschuss musste in Ordnung gebracht werden, weil bei den Beschneiungsarbeiten im allerletzten Moment auch noch ein Wasserrohr im Zielschuss platzte und die Strecke eine Woche vor den Rennen noch aufgegraben werden musste. Ein Unglück kommt selten allein...
Doch Rohrbruch und Plusgrade hin oder her, am Ende lag genug Schnee auf der Saslong. „Da wurde das Unmögliche möglich gemacht“, so FIS-Renndirektor Schmalzl. Insgesamt 50 Mitarbeiter, sechs Schneefahrzeuge und 65 Schneekanonen waren seit dem ersten Kälteeinbruch im Dezember im Einsatz, um das Rennprofil der Saslong fertigzustellen. Vor der endgültigen Bestätigung der Rennen durch den Internationalen Skiverband FIS waren drei Schneekontrollen nötig.
„Wir haben lange gebangt, waren aber immer optimistisch“, so Geschäftsführerin Stefania Demetz. Markus Waldner, der neue FIS-Renndirektor, verglich die Beschneiung der Saslong gar mit einem Wunder: „Es ist unglaublich, was die Veranstalter bei diesen Bedingungen geschafft haben. Die Piste ist nicht nur rennfertig, sie ist in einem sehr, sehr guten Zustand. Wir sind zwar in Gröden und nicht in Lourdes, aber das was hier geleistet worden ist, kommt mir vor wie ein Wunder.“

Erstes Heimspiel für den neuen FIS-Renndirektor, Abschied von einem Saslong-Intimus
Markus Waldner, der heuer die Nachfolge von Günter Hujara als Renndirektor angetreten hatte, ist ein Südtiroler und feierte deshalb auf der Saslong seine Heimpremiere auf der Weltcupbühne. Waldner meisterte trotz der widrigen Umstände seine Sache ausgezeichnet.
Ein neues Gesicht kam und ein altbekanntes verabschiedete sich heuer von der (aktiven) Weltcupszene: Ausgerechnet in seinem letzten Jahr als FIS-Renndirektor musste Helmuth Schmalzl wegen der prekären Schneebedingungen in Gröden Sonderschichten bei den Pistenkontrollen einschieben.  Zum Abschied gab es für Schmalzl aber nicht nur ein Rennen mit besten Pistenbedingungen, sondern auch ein besonderes Abschiedsgeschenk von den Organisatoren.
Apropos Schmalzl und Saslong: diese beiden Begriffe gehören zusammen. Der 64-jährige Helmuth Schmalzl startete beim ersten Weltcuprennen auf der Saslong im fernen Jahr 1969, stürzte sich auch bei der WM als Rennläufer über die Kamelbuckel, war dann Sicherheitschef der Grödner Weltcuppiste und hatte schließlich in den vergangenen 15 Jahren als FIS-Renndirektor mit der Saslong zu tun. Nachfolger von Schmalzl wird der ehemalige Abfahrtsweltmeister Hannes Trinkl. Trinkl war heuer schon an der Seite von Markus Waldner in Gröden mit dabei.

TV-Doku zu den Vorbereitungsarbeiten
Die vielen Pistenbegehungen und -kontrollen in seinem letzten Jahr als Renndirektor musste Schmalzl nicht alleine mit Pistenchef Horst Demetz machen, sondern konnte sich der Begleitung eines Kamerateams erfreuen. Dieses hatte sich nämlich ausgerechnet den heurigen Horrorwinter ausgesucht, um die Vorbereitungsarbeiten zu begleiten. Wenn der Skiweltcup Jahr für Jahr in Gröden Halt macht, dann werden nicht einfach nur zwei Rennen an einem Wochenende ausgetragen. Vielmehr sind die Rennen nur die Spitze eines Eisberges: Das ganze Jahr über wird am Weltcup gearbeitet, die Vorbereitungen laufen auf der Strecke, an der etwa 20 Kilometer (!) Sicherheitsnetze angebracht werden müssen. Sie bestehen aber außerdem und zu einem guten Teil aus Sitzungen und Besprechungen. Die beiden Filmemacher Marco Polo und Thomas Vonmetz gewährten in ihrer Dokumentation, die am Vorabend der Rennen auf RAI Südtirol ausgestrahlt worden war, einen noch nie dagewesenen Blick hinter die Kulissen.

Tausch Abfahrt - Super G
Mit der Schneekontrolle und der Bestätigung der Rennen am Sonntag waren die Rennen aber noch lange nicht unter Dach und Fach und die Dokumentarfilmer hätten auch in der Rennwoche noch einiges an Improvisationstalent der Organisatoren filmen können.
Nach dem ersten Training für die Weltcupabfahrt hat die Jury entschieden, keinen zweiten Trainingslauf auszutragen, um die Piste für die beiden Rennen am Freitag und Samstag zu schonen. Schon bei der ersten Mannschaftsführersitzung war hingegen entschieden worden, die Abfahrt schon am Freitag und den Super G am Samstag auszutragen, um die Piste mit den Umbau- und Umsteckarbeiten nicht zusätzlich zu belasten. Apropos Mannschaftsführersitzung: Diese fand heuer erstmals in einer neuen Location, dem Kulturhaus „Tublà da Nives“, das Tradition und Innovation verbindet, von Wolkenstein statt.
Der Tausch der beiden Rennen erwies sich im Nachhinein als Glücksgriff, denn die Abfahrt zog bereits am Freitag ein Rekordpublikum an. Die Fans, unter ihnen auch 25 Fanklubs mit etwa 600 Mitgliedern, wurden für ihren Besuch nicht nur mit der tollen Stimmung auf den neuen steilen Fantribünen belohnt, die Einheimischen unter ihnen auch mit dem Podestplatz für Dominik Paris. Die Fans des Südtirolers mussten sich bei der Fanklubparade dafür mit dem zweiten Platz hinten den großartigen Anhängern von Otmar Striedinger „begnügen“.
Dominik Paris, der in einer beneidenswerten Form nach Gröden kam, fuhr auch im Super G auf das Stockerl und brachte es damit in knapp 45 Jahren Weltcupgeschichte auf der Saslong als erster Südtiroler fertig, in beiden Rennen unter die ersten drei zu fahren.
Rekordverdächtig waren aber nicht nur die Hausherren unterwegs, sondern auch die Sieger der beiden Rennen: In der Abfahrt siegte Steven Nyman – nicht zum ersten Mal. Nach 2006 und 2012 feierte der US-Boy seinen dritten Sieg im Weltcup und gleichzeitig seinen dritten Sieg in Gröden. Bis auf den bisherigen Dominator der Speedrennen, Kjetil Jansrud (NOR; +0,31 Sek.), konnte Nyman niemand auch nur annähernd das Wasser reichen. Nyman hatte bereits mit seiner Trainingsbestzeit gezeigt, dass er auf der Saslong wieder zu den Sieganwärtern gehört. Interessant zu bemerken, dass Nyman’s Skiman, Leo Mussi, in Vergangenheit auch die Skier von Vierfachsieger Kristian Ghedina präpariert hatte. 
Im Super G am Samstag rückte Jansrud die Hierarchie der bisherigen Saison wieder zurecht: Nach vier Siegen und zwei zweiten Plätze in den bisherigen sechs Speedrennen ließ der Elch auch  beim extrem schnellen, abfahrtsähnlichen Super G auf der Saslong der Konkurrenz keine Chance. Zwischen ihm und dem Zweiten Dominik Paris (ITA) legte er 0,46 Sekunden, während Paris und den Achten Romed Baumann (AUT) gerade einmal 0,37 Sekunden trennten.

Ende gut, alles gut
Zwei spannende und spektakuläre Rennen auf einer perfekten Piste: Das ist das Fazit der Weltcuprennen 2014 in Gröden. Hinter diesem Satz steckt  wegen der fehlenden Schneefälle und der hohen Temperaturen aber so viel Arbeit wie kaum einmal in fast 50 Jahren Weltcup auf der Saslong. "Die Situation war kritisch, aber wie haben nie ans Aufgeben gedacht. Dafür sind wir belohnt worden", so OK-Chefin Stefania Demetz.