Die "Kamelbuckel" auf der Saslong

Der historische Sprung von Ulli Spiess

"Die Angst saß mir tief im Nacken. Die Angst vor der Ungewissheit, ob ich es schaffen würde oder ob meine Knochen anschließend eingesammelt werden müssten".
Die „Kamelbuckel“ sind berühmt-berüchtigt. Jahrelang schleuderten sie muskelbepackte Abfahrtspiloten wahllos durch die Luft, bis sie ein waghalsiger Tiroler vor 20 Jahren überlistete und erstmals übersprang. Fachleute sagen, die Kamelbuckel gehören zu den Schlüsselstellen im alpinen Skiweltcup. Die drei Bodenwellen auf der Grödner Herrenabfahrt hießen ursprünglich „Sprung des Känguruhs“. Erst Sepp Sulzberger, der langjähriger und unvergessene FIS-Delegierte von Gröden, taufte sie Mitte der 70er Jahre um. 
 
 Die Idee ist alt. Schon in den 70er Jahren, unmittelbar nach der Ski-WM , beschäftigten sich die besten Abfahrer der Welt mit dem Gedanken die „Kamelbuckel“ zu überspringen. Bernhard Russi, der Weltmeister, Werner Grissmann, der Spaßvogel, Franz Klammer, der spätere Olympiasieger und Uli Spieß, ein 21jähriger Nachwuchsläufer aus dem Zillertal.
 
 1976 durfte Uli Spieß erstmals in Gröden starten. Sofort hat er die „Saslong“ in sein Herz geschlossen. So sehr, dass sie bald zu seiner Lieblingsstrecke avancierte. Wie man normalerweise eine Frau umwirbt, genau so hat er sie studiert, fünf Jahre lang, mit ihr geflirtet, bis er sie in- und auswendig kannte. Dann erst ging er auf Tuchfühlung mit ihr- begann einzelne Körperteile abzutasten. Bei der Brust blieb er stehen- sie gefiel ihm am besten. 1976 hat er sie zum erstenmal gestreichelt. Mit seinen Skiern. 1980 eroberte er sie endgültig.
 
 Spieß hatte gerade die Abfahrt in Val d`Isère gewonnen, war hoch motiviert und fühlte sich stark genug, um die formenreiche Dame zu erobern. 
 
 Springen war schon immer seine große Leidenschaft . Bei der Videoanalyse im Hotel hatte er bemerkt, dass der große Sprung über die Buckel einen Zeitgewinn bringen würde, weshalb er das Risiko gerne auf sich nahm. Aber nicht von heute auf morgen.
 
 Uli Spiess hatte sich auf den großen Sprung gründlich vorbereitet. Um das richtige Gefühl für den Luftstand zu bekommen, übte er zuerst auf der 70 Meter-Schanze in Mayrhofen. Weil ihm diese zu kurz erschien, wich er auf die 90 Meter-Anlage von Wörgl aus. Die typische Schispringerhaltung wollte er darauf üben, der junge Zillertaler, und ausprobieren, wie der ungewohnt lange Flug auf ihn wirken würde. „Höhe machen“ , dass wollte er, vom Schanzentisch weg, gleichsam einer Parabel, um die nötige Weite zu erreichen.
 
 Der Test auf den zwei Schanzen glückte. Also „nichts wie ab nach Gröden“. „Bei der Besichtigung der Strecke erklärten mich einige Kollegen und Trainer für verrückt , als sie von meinem Plan erfuhren“, erinnert sich der Zillertaler heute. „Hoch wie der Langkofel standen die drei Buckel da, dazwischen eine abgrundtiefe Schlucht“. 
 
 Diese Betrachtung plagte den verwegenen Abfahrer jedoch. „Wenn ich nicht mit mindestens 120 km/h auf die Buckel zusteuere, dann kann ich mein Vorhaben vergessen“. Erstes Training: „Jetzt oder nie“ motiviert er sich nocheinmal. Aber zehn Sekunden vor dem Start erreicht ihn der Funkspruch seines Trainers, Karl Kahr. “Einen schönen Gruß- ich würde nicht hupfen, wenn ich Du wäre“, empfahl der Schladminger. Doch zuvor hatte sich Spieß telefonisch mit seinem Vater kurzgeschlossen. „Spring“, hatte der gesagt. Dessen Wort überwog, die Zweifel waren ausgeräumt.
 
 Also nichts wie los. Äußerst konzentriert schob er sich aus den Startblöcken auf die beinharte Strecke. „Die Fahrt vom Start bis zum Sprung habe ich überhaupt nicht wahrgenommen“, besinnt er sich im Nachhinein. „Meine Gedanken hingen in der Luft, kreisten um die Buckel, die Angst im Nacken saß tief. Angst vor der Ungewissheit, Angst, ob ich es schaffen würde oder ob meine Knochen beim Aufprall eingesammelt werden müssten“.
 
 Außergewöhnlich schnell war sie, die Strecke an diesem kalten Dezembertag. So schnell, dass der Österreicher mit der richtigen Geschwindigkeit auf die Kante zufahren konnte. Neugierig und voller Erwartung standen dutzende Zuschauer und Trainer, die vom Vorhaben des Tirolers aus den Medien erfahren hatten, hinter den Absperrungen. Wie ein Geschoss kam Spieß, in tiefer Hocke gesammelt, von der „Mauer“ herunter über das Flachstück zum ersten Sprung. Er dämpfte ihn, erreichte im Bruchteil einer Sekunde den Zahn des zweiten Buckels, riß seinen durchtrainierten Körper, wie aus einem Katapult geschleudert mit voller Wucht in die Höhe und hob ab. In Sekundenschnelle war er 6-7 Meter über dem Boden, zuckte wieder zusammen und zischte elegant durch die Luft, begleitet von den verdutzten Blicken der Zuschauer. Sanft und heil landete er 50 Meter weiter unten auf dem Rücken des dritten Buckels, um voll konzentriert seine Fahrt in Richtung Ciaslat-Wiesen fortzusetzen. 
 
 Als erster Mensch hatte Uli Spieß die Kamelbuckel übersprungen. Ein tolles Gefühl. 20 bis 30 Meter hatte er vom Absprung bis zur Einfahrt Ciaslat auf den Schweizer Peter Müller, den späteren Sieger, gewonnen. Spieß wurde Fünfter. Im zweiten Rennen, das Harti Weirather für sich entschied, wurde er sogar Zweiter. „Ich bin überzeugt, dass ich viel weiter hinten gelandet wäre, hätte ich die Kamelbuckel nicht übersprungen. Der Sprung hat mir, nach genauen Analysen, eine Sekunde gebracht“.
 
 Nach Uli Spieß versuchten auch andere Athleten die „Kamelbuckel“ zu überspringen. Peter Wirnsberger und Helmuth Höflehner beispielsweise mit Erfolg. Anton Steiner erwischte es Anfang der 80er Jahre schwer, als er zu unentschlossen von der Kante abhob. Einige Jahre später war der Italiener Giorgio Piantanida dran. Auch er musste mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen werden. 
 
 Die Kamelbuckel wurden im Laufe der Jahre mehrmals verändert und zum Teil entschärft. Bereits im Jahr eins nach Uli Spieß wurde ein Richtungstor bei der Einfahrt, aus Sicherheitsgründen, um drei Meter nach Innen verschoben. Doch Spiess ließ sich davon nicht irritieren und übersprang die Kamelbuckel, zur Zufriedenheit der Zuschauer in aller Welt, erneut.
 
 Doch längst nicht alle Abfahrer waren vom Sprung (und damit vom Zeitgewinn) über die Kamelbuckel überzeugt. So entschied sich Marc Girardelli, 1986, bei seinem ersten Start in Gröden, eine andere Linie zu wählen. Girardelli glaubte nämlich ohne den mächtigen Satz länger in der Hocke bleiben zu können und zwar um 20 Meter. Seitdem gibt es auf den „Kamelbuckeln“ auch eine „Girardelli-Linie“.

Gernot Mussner, 2003