Peter Runggaldier

"In meinem Heimattal konnte ich nie richtig auftrumpfen..."

Ich bin in Wolkenstein aufgewachsen, nur etwa einen Kilometer von der Ciaslatwiese entfernt. Und dennoch konnte ich in all meinen Weltcupjahren auf meiner Heimstrecke keinen durchschlagenden Erfolg landen. Auf fast allen Strecken des Weltcupzirkus, darunter Kitzbühel, Wengen und Garmisch, konnte ich meine Fähigkeiten unter Beweis stellen und kam dem Sieg sehr nahe, aber gerade meine Heimstrecke in Gröden erwies sich als ungeeignet für meine technischen und körperlichen Voraussetzungen.

Ich bedauere es sehr, in meiner Karriere keinen Abfahrtslauf gewonnen zu haben (inklusive die Weltmeisterschaftsabfahrt von Saalbach 1991...) und ich bedauere es auch, dass ich mich in Gröden nie richtig durchsetzen konnte. Trotzdem will ich nicht klagen, denn ich weiß, dass der Abstand zwischen Erfolg und Misserfolg sehr gering ist und in wenigen Hundertstel Sekunden liegt. Das was schlussendlich zählt ist das Bewusstsein alles unternommen zu haben, um das Ziel zu erreichen und das Beste von sich gegeben zu haben. Mein Körperbau und mein (zu leichtes ) Gewicht waren auf gewissen Streckenabschnitten nicht von Vorteil und bei Geschwindigkeiten von über 100 km/h reichen die technischen Qualitäten eben nicht immer aus. Nichtsdestotrotz, ich bin mit meiner Laufbahn nicht unzufrieden und komme auch mit der Tatsache zurecht, dass ich auf der Saslong Abfahrt, die seit der Skiweltmeisterschaft 1970 in Gröden zu den klassischen Abfahrtsstrecken zählt, nie entscheidend auffallen konnte.

Das Grödner Organisationskomitee um Tschucky Kerschbaumer, Edmund Dellago, Erich Demetz und Hermann Nogler, das 1967 in Beirut die Zusage für das sportliche Großereignis in Gröden 1970 erkämpfte, hatte den Hang vom Ciampinoi nach Ruaccia hinunter als idealen Standort für die Abfahrtsstrecke entdeckt. Der Streckenverlauf war von Nogler und Demetz entworfen worden und verlangte einschneidende Eingriffe in die Natur, die damals von den aktiven Umweltschützern mit über 400 Unterschriften angefochten wurden. Schutthalden wurden angebracht bzw. entfernt und viele Bäume gefällt, aber im nachhinein betrachtet,  nicht zu Unrecht, denn der heutige Waldbestand ist um ein Vielfaches größer als damals, wie mir überliefert wurde. Ich selber kann dies nicht bezeugen, denn in jener Zeit war ich mit anderem beschäftigt... und bemühte mich gerade das Tageslicht zu erblicken.

Die Piste wurde 1968 fertiggestellt und auf die kolossale Bergsilhouette im Hintergrund getauft. Der Streckenverlauf der Saslong ist sehr schnell und schön, er führt vom Ciampinoi auf 2249 Meter über eine Streckenlänge von 3446 Meter mit 839 Metern Höhendifferenz in die Zielarena von Ruaccia auf 1410 M. Am 14. Februar 1969 wurde auf der Saslong die erste Weltcupabfahrt ausgetragen. Sie wurde damals mit 36 Toren ausgeflaggt. Der erste Sieger kam aus der Schweiz und hieß Jean Daniel Daetwyler. Er gewann vor dem Franzosen Henry Duvillard. Seit jenem Tag gehört die Grödner Abfahrtsstrecke zur absoluten "Elite" der Hochgeschwindigkeitsrennen im Weltcup. Bei den Weltmeisterschaften 1970 gelang es dem Schweizer Abfahrtsstilisten Bernhard Russi die "Saslong" zu bändigen und die Goldmedaille zu gewinnen. Seitdem ist die "Saslong" ziemlich gleichgeblieben. Für einige (Karl Schranz) war sie damals schon technisch wenig anspruchsvoll, für die meisten jedoch die ideale Strecke für Hochgeschwindigkeitsfahrer auf der Suche nach der besten Linie und Gleitmöglichkeit. Die Polemik um die Weltcuptauglichkeit dieser Strecke ist inzwischen müßig und überholt. Ein kurzer Blick auf die prestigeträchtigen Siegerlisten reicht, um alle Spekulationen zu widerlegen und die "Saslong" auf eine Ebene mit der "Streif" in Kitzbühel, dem "Lauberhornrennen" in Wengen und mit anderen weltweit renommierten Abfahrtstrecken zu stellen.

Hier haben alle besten Abfahrer der letzten 30 Jahre triumphiert. Stilisten wie Bernhard Russi, Gleitkönige wie Patrick Ortlieb und Peter Müller, Outsieder wie Urs Räber und natürlich Abfahrtskönige wie Franz Klammer (vier Mal) und klassiche Abfahrer wie Pirmin Zurbriggen und "Colombe la Bombe" Collombin fuhren hier großartige Erfolge heim. Auch frischgebackene Weltmeister, wie Sepp Walcher und Harti Weirather legitimierten auf der "Saslong" ihre Vormachtstellung im Abfahrtsweltcup. Auf andere war die Grödner Strecke wie  zugeschnitten. Der Kanadier Rob Boyd gewann hier zweimal in Folge und wurde ein Mal Zweiter und einmal Dritter. Die Saslong war "seine" Strecke. Dasselbe kann man wohl auch von meinem Freund Kristian Ghedina behaupten, denn von seinen insgesamt 12 Abfahrtssiegen  im Weltcup konnte er exakt ein Drittel, nämlich vier, auf dieser Strecke verbuchen. Das erste Mal 1996, der bisher letzte Sieg geht auf das Jahr 2001 zurück. Dazu kommen mehrere Spitzenplatzierungen und der erste entscheidende Vorstoß in die Weltspitze, mit dem Podestplatz 1989 hinter Sieger Pirmin Zurbriggen und Franz Heinzer.

Die Geschichte des Skisports ist eben von diesen mysteriösen "Wahlverwandschaften" zwischen Athleten und Strecken gekennzeichnet. Für mich wurde es nie mehr als der 13.Platz auf der "Saslong" und ich muss mich wohl mit dem Spruch vertrösten, dass "niemand Prophet im eigenen Land ist".

Peter Runggaldier, 2004