Saslong Classic Club / Gardena - Gröden
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Audi FIS Ski World Cup Val Gardena / Gröden
Reportagen

Gebaut für die Weltmeisterschaft, geblieben für das Tal

Für Gröden war das aber nicht nur ein Grund zum Feiern, sondern gleichzeitig das Zeichen, Pickel und Schaufel in die Hand zu nehmen. Es brauchte Infrastruktur wie Straßen und Mehrzweckgebäude und es galt das zu bauen, worauf drei Jahre später um WM-Medaillen gefahren werden sollte: Rennpisten. In erster Linie brauchte Gröden eine Abfahrtsstrecke, denn keine der bislang bestehenden Hänge wies einen Höhenunterschied von 800 Metern auf. Das wurde von der FIS gefordert. Die 3er-Piste, die von Ciampinoi nach Wolkenstein führte und wo schon mehrmals FIS A-Rennen stattgefunden hatten, erfüllte dieses entscheidende Kriterium knapp nicht. Die rund 750 Meter reichten nur für das Frauenrennen. Also war klar: Es muss eine neue Abfahrt gebaut werden.

Die Vorgaben der FIS ließen nur zwei Varianten zu. Beide hatten ihren Start auf Ciampinoi in 2249m und führten, der Nordwand des Langkofel entlang, Richtung Tal. Erst kurz vor den Sochers-Mauern trennten sich die beiden Streckenführungen: Eine führte über die Ciaslat-Wiesen nach Ruacia, einer Mulde, die politisch auf Gemeindegebiet von Wolkenstein liegt, geografisch aber an das Dorfzentrum von St. Christina angrenzt. Der zweite Trassenvorschlag bog (orografisch) rechts der Sochers-Mauern ab und endete in La Pozza, einer Wiese zwischen St. Christina und Wolkenstein.

Max Schenk, seit 1957 Mitarbeiter im Skiklub Gröden, hatte schon für mehrere Pisten technische Zeichnungen angefertigt und sollte auch für die zu bauende Strecke einen Plan ausarbeiten. „Ich war eigentlich kein Fachmann darin, sondern habe mir diese Fähigkeit im Laufe der Jahre angeeignet“, erzählt der heutige Vize-Bürgermeister von St. Christina. Schenk brachte also zu Papier, wie die neue Grödner Abfahrtsstrecke aussehen könnte. Die Entscheidung, ob nun nach Ruacia oder nach La Pozza gebaut werden würde, trafen aber andere.

Gustav Thöni bei den WM 1970

Hubert Spiess, Rennleiter bei den Olympischen Spielen 1964 und 1976 in Innsbruck, ließ sich bei einem Lokalaugenschein die Varianten für die mögliche neue Abfahrtsstrecke zeigen. Nach Absprache mit Hermann Nogler, dem Spezialisten für technische Fragen im Grödner WM-Komitee, entschied sich Spiess für Ruacia als Ziel. Mit 3.446m war diese Strecke länger als die Abfahrt nach La Pozza und wies zudem einen größeren Höhenunterschied (839 Meter) auf. Die Trasse wurde aufgrund von Schenks Zeichnung festgelegt. Sie sah eine relativ gerade Linienführung von Ciampinoi bis ins Ziel vor. Am „Costa de Gialina“, den heutigen Kamelbuckeln, wählte Schenk die Überfahrt über einen Kamm anstatt der Durchquerung eines kleinen Tals. „Heute sieht man davon nichts mehr, weil die Strecke inzwischen verbreitert worden ist“, erklärt der Zeichner. Und auch die Kurve bei den Ciaslat-Wiesen gab es ursprünglich nicht. Beim ersten Rennen wurde dieser Streckenteil geschnitten und die enge Zielkurve am Nucia-Hof direkt angefahren.

Bevor der Bau der Piste in Angriff genommen wurde, musste die technische Entscheidung auf politischer Ebene bestätigt werden. Das Land Südtirol unter Landeshauptmann Silvius Magnago sagte sofort zu, schwieriger war es in Wolkenstein, wo man um die touristische Zukunft fürchtete. Dort hatte man bis zum Schluss auf ein Ziel bei La Pozza gehofft, was den Dorfkern mehr belebt hätte als das periphere Ruacia. Schließlich war der Bau der Aufstiegsanlagen direkt an den Verlauf der Piste gekoppelt. „Es gab damals eine sehr belebte Gemeinderatssitzung“, kann sich Erich Demetz, damals der technische Leiter in der WM-Organisation erinnern. „Als die Entscheidung bestätigt wurde, sind der damalige Wolkensteiner Bürgermeister und ich angefeindet worden.“ Es wurden 400 Unterschriften gesammelt und eine Initiative mit dem Titel „Salvon Selva“ („Retten wir Wolkenstein“) gestartet. „Heute redet kein Mensch mehr darüber, denn letztlich haben alle von der Piste und der Weltmeisterschaft enorm profitiert. Sie hat Gröden den Aufstieg in den Olymp der klassischen Wintersportorte beschert“, ist Demetz überzeugt.

Mitarbeiter der WM 1970 in Gröden

Demetz koordinierte auch den Bau der Saslong, wie auch aller anderer WM-Pisten. Die größten Eingriffe betrafen Rodungen zwischen Sochers und den Ciaslat-Wiesen sowie auf dem Zielhang. Im Ciaslat wurden 26 Quellen gefasst und abgeleitet, darunter auch der kleine „Lech de Ciaslat“ („Ciaslat-See“). Ein Hof, der ohne Trinkwasser blieb, musste mit einer neuen Leitung versorgt werden. „Einwände von Umweltschützern gab es damals nicht. Naturschutz war kein großes Thema“, erinnert sich Demetz. „Außerdem wurde jeder gefällte Baum an anderer Stelle aufgeforstet.“ Die Kosten für den Bau der Saslong beliefen sich auf 110 Millionen Lire und wurden vollumfänglich aus dem Gesamt-Budget für Ski-WM genommen.

„Mehr als 30 Mal bin ich in jenem Winter nach Ciampinoi gefahren“, berichtet Max Schenk, der beim Bau keine spezifische Rolle mehr innehatte. Doch Schenk kannte das Gelände und die Streckenführung wie kein Zweiter. Deshalb wurde er immer wieder herbeigezogen, wenn es darum ging, Gästen und Interessierten die entstehende Piste zu zeigen. „Vertreter des Skiclubs oder des Wintersportverbandes, Gesandte der Kurverwaltung, Landesbedienstete oder der Mitglieder der Forstbehörde – alle wollten wissen, wie der Bau ablief. Sogar ausländische Journalisten kamen nach Gröden und interessierten sich für die neue WM-Piste.“

Jean-Daniel Dätwyler 1969, im Ziel der Saslong

Bevor der Weltmeister auf der Saslong gekürt wurde, fand 1969 die Generalprobe statt. Die erste Weltcupabfahrt auf der neuen Piste gewann der Schweizer Jean-Daniel Dätwyler. In 2.07.75 Minuten bewältigte er die von fast 20 Zentimeter Neuschnee gebremste Strecke. „Diese Piste ist zu leicht“, beklagte das Österreichische Abfahrts-Ass Karl Schranz, revidierte aber Jahre danach seine Aussage, denn „die Saslong von 1969 hat mit jener von heute nichts zu tun“, betont Erich Demetz. „Im Vergleich zu damals ist sie jetzt ein Riesenslalom.“ Einer der Gründe dafür ist die veränderte Linienführung im Ciaslat. Aus der direkten Linie wurde eine kurve um Geschwindigkeit aus der Fahrt zu nehmen.

Das war aber bei weitem nicht die einzige Veränderung, die die Saslong im Laufe der Jahrzehnte erlebte. Zum einen musste den immer strenger werdenden Sicherheitsrichtlinien der FIS Rechnung getragen werden, zum einen galt es, den touristischen Ansturm auf die inzwischen weltberühmte Piste zu bewältigen. Die ursprüngliche Seilbahn, die ein privater Unternehmer zeitgleich mit der Piste gebaut hatte, wurde modernisiert und transportierte immer mehr Skifahrer auf den Berg. So wurde die Saslong nach und nach verbreitert. Erst die Sochers-Mauern, dann der Bereich um die Kamelbuckel und zuletzt, im Sommer 2007, die Zielkurve und der Zielhang. „Das lässt die Möglichkeit offen“, so FIS-Rennleiter Günter Hujara, „auf der Saslong in Zukunft nicht nur Abfahrt und Super-G durchzuführen.“

Nach 40 Jahren führt die Saslong, die ihren Namen vom 3181m Langkofel hat, mehr als je zuvor ein Doppelleben. Sie ist zum einen ein Klassiker des alpinen Skiweltcups und wird in einer Reihe mit den großen Abfahrtspisten der Welt genannt. Sie ist eine schnelle, sehr spektakuläre Strecke mit 17 kleineren und größeren Sprüngen. Der obere Teil ist relativ einfach zu fahren und gilt als Gleitstrecke. Der Looping gleich nach dem Start und der „Saut dl Moro“ (Moro-Sprung) auf der Moro-Wiese, bei dem die Rennläufer erstmals richtig abheben, führen hinunter zu den Sochers-Mauern, benannt nach der gleichnamigen Wiese. Dann kommt jene Passage, für die die Saslong weltberühmt ist, die Kamelbuckel. Sie haben ihren Namen von Sepp Sulzberger, einem technischen Delegierter, der im Auftrag der FIS die Rennen in Gröden überwachte. „Dort oben, da wo die Kamelbuckel sind“, sagte er um sich verständlich zu machen. Seither blieb den drei Hügeln dieser Name haften. Rund 88 Meter soll der Österreicher Michael Walchhofer, Sieger von 2007, dort schon gesprungen sein. Der Luftstand beträgt angeblich bis zu 13 Meter. Historisch der erste Sprung über die Buckel, den der Nordtiroler Uli Spiess 1980 wagte. „Die Angst saß mir tief im Nacken. Die Angst vor der Ungewissheit, ob ich es schaffen würde oder ob meine Knochen anschließend eingesammelt werden müssten“, erinnert sich Spiess, der sich auf Skisprungschanzen auf das gefährliche Unterfangen vorbereitete. Der Pionier meisterte den Sprung erfolgreich, einigen nach ihm gelang das nicht. Nachdem mehrere Läufer schwer zu Sturz gekommen waren, wurden die Kamelbuckel im Laufe der Jahre angepasst und teils entschärft. Dennoch sind sie für viele Fachleute noch immer eine der Schlüsselstellen im alpinen Skiweltcup.

Vollgepumpt mit dem Adrenalin der Kamelbuckel kommen die Läufer auf die technisch schwierigen Ciaslat-Wiesen. Schon viele haben dort das Rennen oder eine gute Platzierung verloren. Die Einfahrt auf den mit vielen Wellen und Rippen sehr unruhigen Teil ist entscheidend. Über die Zielkurve, auch Nucia-Kurve nach dem gleichnamigen Hof, fährt der Rennläufer in den steil nach links abhängenden Zielschuss. Die Rekordzeit auf der Saslong liegt bei 1.52,99, aufgestellt im Jahr 2003 vom zweimaligen Sieger Antoine Deneriaz aus Frankreich. Jean-Daniel Dätwyler benötigte bei seiner Siegesfahrt 1969 trotz direkter Linienführung fast 15 Sekunden mehr.

Eine Rennstrecke ist die Saslong aber nur eine Woche im Dezember. Den Rest des Winters ist sie eine beliebte Abfahrt für Freizeit-Skifahrer. Steil und schnell, aber breit und übersichtlich ist sie über die Jahre an die Anforderungen des modernen Skifahrens angepasst worden. Doch nicht selten wird die Saslong unterschätzt. Die steilen Hänge im oberen Abschnitt, die hügelige Mittelpassage und die eisigen Kurven im Ciaslat und im Zielhang fordern selbst geübten Skifahrern alles ab. Doch egal, ob man das Ziel nach einer Viertelstunde oder nach 1.53 Minuten erreicht – Jeder, der die Saslong bezwingt und das kalte Ruacia gesund erreicht, darf sich als kleiner Weltmeister fühlen.

Wolfgang Resch 2008