Saslong Classic Club / Gardena - Gröden
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Reportagen

Dätwyler Erster Sieger auf der Saslong (1969)

So auch Jean-Daniel Dätwyler, der damals beste Schweizer in dieser Disziplin. Bei den Olympischen Spielen 1968 in Grenoble, gleichzeitig als Weltmeisterschaft gewertet, hatte er Bronze gewonnen und damit eine achtjährige Schweizer Durststrecke beendet. Denn nach den erfolgreichen Spielen von Squaw Valley 1960 waren die Eidgenossen bei drei Großveranstaltungen ohne Medaille im Ski-Alpin geblieben. Die Weltmeisterschaften von Chamonix (1962) und Portillo (1966) sowie die Spiele von Innsbruck (1964) waren eine Schweizer Nullnummer, erst 1968 konnte Dätwyler genauso wie seine Landsleute Willy Fauch und Fernandez Bochater Edelmetall nach Hause bringen. Auch im Weltcup, der damals seine dritte Saison erlebte, führte Dätwyler die Schweizer Mannschaft an. Als reiner Abfahrer hatte er bereits zwei Podestplätze und mehrere Top-10-Ergebnisse zu verbuchen. „Rückblickend waren 1968 und 1969 meine besten Jahre als Skifahrer“, sagt Dätwyler heute. Dennoch hatte ihn beim Premierenrennen in Gröden niemand auf der Rechnung. Auch er selbst nicht. Doch der Schweizer fühlte sich von Beginn an wohl auf der Saslong. Als Gleitspezialist kam ihm die gerade Linienführung entgegen. „Der Schnee war weich, das war optimal für mich. Die Piste war wenig technisch, aber dafür sehr schnell; die Durchschnittsgeschwindigkeit lag bei 107 km/h.“, sagt Dätwyler, der von Fachleuten als der damals beste Gleiter im Weltcup bezeichnet wurde. Dätwyler ging mit Startnummer 1 ins Rennen und legte eine Zeit vor, die keiner nach ihm unterbieten konnte: 2.07.75.. „Das Warten im Ziel war eine kleine Ewigkeit. Nach und nach kamen die Läufer herunter, aber alle waren langsamer“, erinnert sich der Dätwyler. Der Franzose Henri Duvillard kam dem Sieger am nächsten und wurde mit 79 Hundertstel Rückstand Zweiter, noch vor dem Österreicher Rudi Sailer. Jean-Daniel Dätwyler ist in Villars in der Nähe von Montreux im Schweizer Kanton Waadt aufgewachsen. Seine Eltern führten ein Bergrestaurant, Jean-Daniel fuhr schon als kleiner Junge mit den Skiern zur Schule. Die Karriere war vorprogrammiert: Auf regionale und nationale Rennen folgten, noch vor der Gründung des Weltcups, die ersten Erfolge in der Kandahar-Serie. Ein vierter Platz in St. Anton war sein bestes Ergebnis. Nach bester Zwischenzeit war ihm in jenem Rennen der Ski gebrochen, „ansonsten wäre es wohl der Sieg geworden“, vermutet der Pechvogel heute. In seiner Jugend fuhr Dätwyler alle Disziplinen und ließ mitunter sogar Jean-Claude Killy im Slalom hinter sich. Erst nach und nach spezialisierte er sich auf die Königsdisziplin, die Abfahrt.

Die Abfahrt in Gröden war Dätwylers erster wichtiger Sieg auf der internationalen Bühne. Die Fachwelt kam an seinem Namen nun nicht mehr vorbei, auch nicht als es darum ging, die Favoriten für die Weltmeisterschaft 1970 zu nennen. Als Sieger der Generalprobe konnte er die Favoritenrolle nicht verleugnen. Doch es kam anders: „Die Voraussetzungen waren gut. Ich hatte ein gutes Gefühl und war auch mit meiner Fahrt zufrieden, doch die Skier liefen einfach nicht“, blickt Dätwyler etwas enttäuscht zurück. Mit Startnummer 4 war er gewissermaßen der Testpilot für seine Mannschaft. Denn sobald er im Ziel angekommen war, gab er per Telefon die Anweisung an den Start, alles Wachs vom Ski zu kratzen. „Normalerweise ließen wir immer etwas Belag auf dem Ski, an diesem Tag war das aber das falsche Mittel“. Die Betreuer am Start befolgten die Empfehlung des erfahrenen Dätwyler und hatten damit Erfolg. Bernhard Russi ging mit Startnummer 15 ins Rennen und holte die Goldmedaille in die Schweiz.

Für Jean-Daniel Dätwyler war die WM in Gröden aber nicht die einzige bittere Enttäuschung seiner Karriere. Bei der Abfahrt 1969 In Kitzbühel wurde nach dem Rennen als großer Sieger gefeiert. Die ersten Champagner-Gläser waren schon geleert als nach zwei Stunden die Hiobsbotschaft kam, dass es Probleme mit der Zeitnehmung gegeben hatte. „Was genau passiert ist, weiß ich bis heute nicht. Tatsache ist, dass man aufgrund der Fernsehbilder festgestellt hat, dass Karl Schranz schneller war als ich“. Mit seinem zweiten Weltcupsieg 1971 in Megève fand er letztlich noch einen versöhnlichen Abschluss für seine Karriere, die mit den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo zu Ende ging. Die Schweiz war inzwischen zur Abfahrtsnation Nummer 1 aufgestiegen. Dätwyler, nun 27-jährig, zählte noch immer zu den besten Abfahrern der Welt, aber die starke Konkurrenz innerhalb der Mannschaft brachte ihn um den Startplatz in der Olympia-Abfahrt. Im entscheidenden Trainingslauf war Dätwyler nur fünftschnellster Schweizer. Deshalb musste er zuschauen, wie seine Mannschaftskollegen ein historisches Ergebnis einfuhren. Russi wurde Olympiasieger, Roland Colombin Zweiter, Andreas Sprecher Vierter und Walter Tresch Sechster.

Bedauert hat Dätwyler den Rücktritt nicht. Im Gegenteil: „Der Weltcup war finanziell nicht so lukrativ wie heute, da war es normal in diesem Alter aufzuhören. Meine Eltern waren in der Zwischenzeit ins Tal gezogen und hatten ein kleines Sportgeschäft übernommen, in dem die ganze Familie mitgearbeitet hat“, erzählt der Vater von zwei Kindern. Das Geschäft wurde inzwischen sechs Mal renoviert und vergrößert, trägt aber noch immer den Namen Dätwyler Sport und ist ein Familienbetrieb geblieben. Jean-Daniel führt es gemeinsam mit seinem Bruder Michael, der Ende der 60er- und Anfang der 70er-Jahre ebenfalls Weltcup-Abfahrten bestritten hat. Auch die Tochter des ersten Gröden-Siegers, Celine, fuhr zwischen 1991 und 2001 in unregelmäßigen Abständen im Weltcup. Heute arbeitet sie ebenfalls im Sportgeschäft mit und betreut gleichzeitig die jungen Skifahrer im beschaulichen Villars. „Ich habe eine Zeit lang als Trainer gearbeitet. Wenn man einmal Spitzensportler war, kommt man vom Sport nicht weg“, so der heute 63-Jährige, der zum begeisterten Golfer geworden ist. Im Herzen aber, das merkt man ihm an, ist Jean-Daniel Dätwyler ein leidenschaftlicher Skifahrer geblieben. Sein alter Renn-Ski hängt zwischen historischen Fotos im Geschäft und von seinem Chalet oberhalb von Villars ist es nur ein Katzensprung auf die Pisten. Auch wenn ihm der ganz große Erfolg versagt geblieben ist, eine Olympiamedaille, zwei Weltcupsiege und ein Leben im Zeichen des Skisports haben Jean-Daniel Dätwyler zu einem glücklichen Menschen gemacht.

Wolfgang Resch 2008